Tagebuch von Christine
Ecuador & Galápagosinseln
Tagebuch über unsere Reise:
Ecuador - oder ein schöner Blick nach rechts
Freitag, den 27.08.1999
Wir hatten noch den ganzen Tag Zeit, die letzten Urlaubsvorbereitungen zu treffen und unsere Koffer noch voller zu packen, als sie ohnehin schon waren. Unser Flug nach Amsterdam ging erst um 18.45 Uhr abends. Am Stuttgarter Flughafen lernten wir bereits andere Reiseteilnehmer kennen, Karin, Jürgen und die Zwillinge Petra und Pia. Wir dachten natürlich gleich, die beiden nie auseinander halten zu können, aber wir sollten ja noch genügend Zeit zum Üben haben. Auf unserem Flug nach Amsterdam hatten wir ein relativ kleines Flugzeug, dafür war der Flug recht kurz. Wir kamen pünktlich in Amsterdam an, und hatten dort ca. 3 Stunden Aufenthalt. In Amsterdam lernten wir, bis auf drei, auch die anderen Wikinger kennen. Um 23.40 Uhr starteten wir in Richtung Südamerika. Wir machten einen Zwischenstopp in Curaçao, der etwas länger war als geplant, da der Flughafen in Quito erst um 6.00 Uhr morgens öffnete. Wir mußten also warten, um nicht zu früh dort anzukommen.
Samstag, den 28.08.1999
Kurz vor Quito begann es zu dämmern. Jürgen und ich suchten uns gute Fensterplätze (die Maschine war ziemlich leer, die Auswahl daher recht groß) um unsere ersten Urlaubsfotos zu schießen. Der Landeanflug auf Quito selbst war spannend. Zunächst war schon einmal ungewöhnlich, dass in einer Höhe von 4.000 m über NN die baldige Landung angekündigt wird und dann fragten wir uns bald, wo wir eigentlich landen wollten. Das Flugzeug sank immer tiefer und unter uns waren nur Häuser. Bald waren wir relativ dicht über der Erde und flogen immer noch über direkt unter uns liegende Gebäude hinweg. Sozusagen direkt hinter dem Gartenzaun des letzten Hauses, tauchte dann aber doch die Landebahn auf, um 6.15 Uhr morgens kamen wir in Quito an.
Die erste Überraschung ließ nicht lange auf sich warten. Alle Koffer kamen an, nur der von Dirk war nicht dabei. Bei seiner sofortigen Reklamation war man jedoch der Meinung, dass für den Augenblick nichts unternommen werden konnte, der Koffer aber sicher in wenigen Tagen käme. So fuhren wir in gutem Glauben mit dem Bus, an dem uns unser Fahrer Manolo erwartete, los in Richtung Otavalo. Wir waren sehr müde, aber unsere ersten Stunden in den Anden durften wir natürlich nicht versäumen. Bald machten wir auch schon unseren ersten Fotostop.
Die Aussicht war noch nicht klar (dies lag am morgendlichen Dunst, nicht an unserer Müdigkeit), ganz schemenhaft konnten wir aber doch zu unserer linken Seite den Berg Cayambe und rechts den Cotopaxi erkennen. Kurz darauf hielten wir nochmals an, dieses Mal hatten wir einen besseren Blick auf den Cayambe. Wir standen alle in der Nähe eines kleinen Geheges mit Schafen, die durch den plötzlichen Menschenauflauf doch etwas nervös wurden, was sie auch lautstark kundtaten. Bei unserem nächsten Fotostop hatten wir einen schönen Blick auf die Laguna St. Pablo, ein idyllisch inmitten von Bergen gelegener See.
Nach drei Stunden Fahrt kamen wir im Hotel "Yamor Continental", das nach einem jährlich in Otavalo stattfindenden Fest benannt ist, an. Die Anlage war sehr hübsch, die Zimmer hielten allerdings nicht, was das Äußere versprach. Nachdem wir diese bezogen hatten, besuchten wir den Indianermarkt von Otavalo, Ecuadors größten Markt auf der Plaza Centenario, Poncho Plaza genannt. Dort sahen wir nun zum ersten Mal in bunte Trachten gekleidete Indígenas, die ihre Artikel zum Kauf anboten. Hier gab es alles zu kaufen, was das Touristenherz begehrt. Bunte Webteppiche, handgestrickte Pullover und Handschuhe, dicke Socken, schöne, gewebte Bänder, Schnitzereien, Keramik und vieles mehr. Es war sehr schön anzuschauen und natürlich recht verführerisch. Da wir jedoch noch kein Geld getauscht hatten, war die Gefahr, unsere Urlaubskasse bereits in den ersten Stunden zu strapazieren noch nicht allzu groß. Wir holten dies jedoch schnell nach, als wir unsere ersten Reiseschecks in ein dickes Bündel Sucre tauschten (Wechselkurs 1,-- DM = 5.000 Sucre). Wir aßen im Hotel zu Mittag und gingen danach nochmals auf den Markt. Als wir das zweite Mal in unser Hotel zurückkehrten war unser Sucre-Bündel schon etwas dünner dank einiger Souvenirs, an denen wir nicht vorbeigehen konnten. Abends aßen wir in dem Restaurant Sisa (=Blume) im Zentrum Otavalos. Dort spielte eine Gruppe, die uns mit Musik aus den Anden gleich auf Ecuador einstimmte.
Sonntag, den 29.08.1999
Unsere Abfahrt war um 9.15 Uhr, die erste Station St. Antonio de Ibarra, ein Ort, der für seine Holzschnitzarbeiten bekannt ist. Uns waren diese jedoch zu rustikal, um auch hier Souvenirs zu kaufen. Stattdessen hat Stefan lieber seine Zeit damit verbracht, einem Kolibri hinterher zu jagen, den er unbedingt fotografieren wollte. Anschließend fuhren wir weiter nach Ibarra. Dort fand der sonntägliche Markt statt, auf dem fast nur Einheimische zu finden sind. Hier haben wir Proviant (Bananen, Mandarinen und Brötchen und natürlich Wasser) für unsere geplante Wanderung und sogar Gummistiefel, die auch Stefan paßten, gekauft. Nachdem wir gut eingedeckt waren, fuhren wir zum Imbabura um den 4.600 m hohen Berg in einer 15 km langen Wanderung teilweise zu umrunden. Der Ausgangspunkt der Wanderung war der kleine Ort Zuleta, unsere Wanderung führte uns durch das Stammesgebiet der Zuleta-Indianer. Der erste Teil der Strecke ging zuerst nur bergauf, wir trösteten uns aber damit, dass wir nach Erreichen des höchsten Punktes nur noch bergab gehen mußten. An die dünne Luft nicht gewöhnt, hatten wir anfangs ziemliche Schwierigkeiten genügend Sauerstoff zu bekommen, auch wenn der höchste Punkt unserer Wanderung "nur" in etwa 3.000 m Höhe lag.
Nach einigen hundert Metern hielten wir an, damit José uns etwas über die Agaven erzählen konnte, die hier überall wuchsen. Die Einheimischen flechten aus ihren Fasern allerlei Dinge des täglichen Gebrauchs, der Saft der Agaven wird zum Haare waschen verwendet. Ein kleiner Hund beobachtete uns ganz neugierig und als wir begannen, ihn zu streicheln, schleckte und knabberte er ganz begeistert an unseren Händen. Ich hätte ihn natürlich am liebsten mitgenommen.
In unserer Mittagspause saßen wir an einem Hang und hatten eine schöne Aussicht auf die Landschaft. Wir packten unsere Vorräte aus und begannen mit unserem wohlverdienten, wenn auch nicht gerade üppigen, Mahl. Einige Kinder, die uns zuerst vorsichtig aus der Ferne beobachteten, kamen mit der Zeit neugierig immer näher. Wir schenkten ihnen Bonbons und Luftballons, über die sie sich sehr freuten. Sport soll ja bekanntlich zur Völkerverständigung beitragen, so begannen wir mit den Kindern (oder sie mit uns) Volleyball zu spielen, was natürlich zur allgemeinen Erheiterung führte.
Nach gut vier Stunden kamen wir in San Pablo del Lago an. Dort haben wir uns selbst zu einer auf der Straße stattfindenden Hochzeit eingeladen. Eine der Dorfstraßen war mit zwei LKWs blockiert, auf einem davon spielte eine Band. Zwischen beiden war genug Platz zum Tanzen und Feiern. Wir wurden herzlich aufgenommen und bekamen von allen Seiten Schnaps, Schnaps und nochmals Schnaps. Keiner von uns wußte, was oder wieviel er getrunken hat und ließ die Wirkung des Alkohols nicht lange auf sich warten. Auch Chicha wurde in einem großen Plastikeimer herumgereicht, wie uns jedoch José versicherte, wird diese im Hochland nicht "ausgespuckt", sondern mit Hilfe von Getreide zur Gärung gebracht (diese Eröffnung erleichterte uns kolossal - zuvor waren wir doch etwas angeekelt, als wir das Gebräu in dem 10-Liter-Eimer sahen, das uns angeboten wurde). Wir tanzten natürlich auch mit den Hochzeitsgästen, so kam ich dann zu einem sehr hartnäckigen Verehrer, der ungefähr einen Kopf kleiner war als ich. Für das Brautpaar hatten wir ein ganz besonderes Hochzeitsgeschenk: ein Strampelhöschen für ihr erstes Kind! Die beiden haben sich sicher gefragt, warum um alles in der Welt, Touristen vorbeikommen, die Babykleidung in ihrem Rucksack haben. Nach der Hochzeit feierten wir weiter: Maria Elena, die am Morgen in unserem Bus kunsthandwerkliche Souvenirs verkaufte hatte uns zur Geburtstagsfeier ihrer Mutter eingeladen. So feierten, tanzten und tranken wir weiter... Hier wurde uns jedoch auch etwas zu essen angeboten: Kartoffeln, gebratenes Schweinefleisch und gerösteter Mais (zumindest schmeckten die komischen weißen Körner nach Mais, für einen an kleine, gelbe Maiskörner gewöhnten Europäer sahen sie allerdings nicht danach aus). Als Wegzehrung bekam dann jeder von uns eine gefüllte Teigtasche mit. Es war ein sehr schöner Tag und wir freuten uns über die Gastfreundschaft der Indígenas.
Montag, den 30.08.1999
Nachdem wir uns beim Frühstück für die bevorstehende Wanderung gestärkt haben, fuhren wir bereits um 8.30 Uhr mit einer kurzen Unterbrechung um Proviant zu kaufen, ab zum Cotocachi-Nationalpark. Eine Stunde später kamen wir am Parkeingang an. Zunächst stiegen wir einige Stufen hinauf zur Laguna de Cuicocha, einem durch einen Vulkanausbruch entstandenen Kratersee mit einer durchschnittlichen Tiefe von 200 m.
Schon diese Treppe zeigte uns die Grenzen unserer Kondition, wir waren völlig außer Atem und fragten uns, wie das wohl weitergehen würde. Bei unserer Wanderung, die fünf Stunden dauern sollte, war es windig und dadurch ziemlich kühl - vor allem während unserer Mittagspause, die wir am Kraterrand mit herrlichem Blick auf den See verbrachten. Sobald, jedoch der Wind aufhörte wurde es spürbar wärmer, zumal unsere Wanderung ziemlich anstrengend war.
Lange Zeit führte unser Weg, an dessen Rand wir viele verschiedene Blüten bewundern konnten, nur bergauf. Wir hofften natürlich, dass wir danach nur noch bergab gehen müßten, doch weit gefehlt: nach jedem Abstieg kam auch wieder der unvermeidliche Aufstieg. Unsere Ausgangshöhe an diesem Tag lag bei 3.000 m, der höchste Punkt bei ca. 3.400 m - kein Wunder, dass uns der Sauerstoff wieder nicht reichte.
Nach fünf Stunden Wanderung, hatten wir den See größtenteils umrundet und kamen müde, aber zufrieden bei unserem Bus an, der uns erwartete um uns auf der Panamericana zu unserer nächsten Unterkunft in der Nähe des Cayambe zu bringen. In dem gleichnamigen Ort machten wir eine kurze Pause um Bizcochos zu kaufen (es gab doch tatsächlich eine erschreckende Mehrheit von 17 Wikingern, die dazu auch noch ortstypischen Käse kauften - das konnte ich nun wirklich nicht verstehen). Bizcochos sind salzige, sehr locker gebackene und sehr schmackhafte Kekse.
Nachdem wir den Ort verlassen hatten, hielten wir auf unseren Wunsch hin am einem der Äquatordenkmale Ecuadors in Form einer Weltkugel an. Natürlich fotografierten wir hier wie Journalisten bei einer Pressekonferenz. Links vom Äquator, rechts vom Äquator, über dem Äquator, auf der Weltkugel... wann hat man denn schon einmal die Gelegenheit mit einem Bein auf der Nord- und mit dem anderen Bein auf der Südhalbkugel zu stehen? Stefan und ich wollten bei einem gemeinsamen Foto natürlich beide auf der Südhalbkugel stehen. Da wir uns nicht einigen konnten, knobelten wir - wer hat dabei wohl verloren ? Es kann nicht anders sein: ich stand im Norden.
Irgendwann war auch das letzte Bild geknipst und wir fuhren weiter zur Hacienda Guachalá, einer der ältesten Haciendas Ecuadors. Nachdem wir unsere sehr gemütlichen Zimmer bezogen haben, die vermutlich im ehemaligen umgebauten Stall lagen und teilweise einen direkten Zugang zum Swimmingpool hatten, gingen wir auf Entdeckungstour.
Die Hacienda hat zwei Kirchen, die eine war den Herrschaften vorbehalten, die andere, größere, den Angestellten. In dieser Kirche sind heute Familienbilder der Hacienda-Besitzer sowie Fotos der Europa-Reisen der Familie ausgestellt. Die Familie muß bis Mitte der 20er-Jahre sehr reich gewesen sein, was sie offensichtlich auch sehr gerne zeigte. Nach dem Abendessen im Speisezimmer mit offenem Kamin, saßen wir noch eine Weile mit einem Cocktail im Aufenthaltsraum. Im Kamin dort brannte ein Feuer, da es in den dicken Mauern des alten Gebäudes doch sehr kalt wurde. Einige unserer Gruppe waren so leichtsinnig, auch in ihren Zimmern Feuer anzuzünden. Die Frage, ob der Rauch der dabei eher in den Raum als durch den Kamin abzog besser war als die vorhergehende Kälte, bleibt allerdings offen.
Dienstag, den 31.08.1999
Auch an diesem Tag fuhren wir um 8.30 Uhr ab, hielten aber bereits nach einer halben Stunde zu einem kurzen Fotostop an, da wir einen traumhaften Blick auf den Cayambe, den mit 5.790 m dritthöchsten Berg Ecuadors hatten. Nachdem wir alle wohl so ziemlich das gleiche Foto geschossen hatten, fuhren wir weiter und begannen in einer Höhe von ca. 3.550 m eine weitere Wanderung. Hier oben war es sehr kalt, wir zogen an, was wir bei uns hatten. Wir wurden von einigen Indígena-Kindern begrüßt, an die wir wieder unsere Bonbons und Luftballons verteilten.
Unsere Wanderung führte uns zu der ungefähr 3.800 m hoch gelegenen Bucara Quito Loma (Bucara = Inka-Festung), bei der wir nach ca. 1 ¼ anstrengenden Stunden ankamen. Loma bedeutet in der Quechua-Sprache Berg, Quito Loma heißt diese Festung vermutlich deshalb, weil man von dort einen herrlichen Blick auf Quito und den Pichincha hat. Die Bucaras dienten als Wohnsitz hochgestellter Inka, als Zeremonialplätze und Verteidigungsanlagen und waren in drei Ringe unterteilt. Die Inka kamen um das Jahr 1450 nach Ecuador, blieben aber nur ungefähr 50 Jahre. Es ist nicht genau bekannt, was dann mit ihnen geschah, sie vermischten sich entweder mit den Indio-Völkern oder wurden von den Spaniern vernichtet. Von ihren Bauten blieb nur sehr wenig erhalten. Vermutlich zerstörten die Inka ihre Festungen selbst, dass diese nicht in die Hände der Spanier fielen, die nach der Entdeckung Amerikas im Jahre 1492 mehr und mehr Länder in Südamerika besetzten.
Die Festungen der Inka waren stets auf Bergen errichtet, da dies die Verteidigung der Anlagen natürlich erheblich vereinfachte. Der innere Ring war der heiligste Bereich, hier wurden religiöse Zeremonien abgehalten, der zweite Ring diente hochgestellten Priestern und Militärs als Wohnbereich, der dritte Mauerring umschloß Wirtschafts- und Vorratsgebäude.
Die Inka ernannten sich selbst zu Herrschern über die Indios, die ihnen Abgaben leisten mußten. Quito Loma hatte ungefähr 50 ständige Bewohner: Priester, Jungfrauen, höhere Militärs; das "Fußvolk" hatte dort keinen Zutritt. Die Nachrichtenübermittlung von Bucara zu Bucara erfolgte mit Hilfe von Rauchzeichen oder Lichtsignalen, die mit blank geschliffenen Obsidian-Steinen erzeugt wurden. Von Quito Loma aus hatten wir einen schönen Blick auf die Berge Sierro Puntas, Cotopaxi und Pichincha in der Westkordillere. Wir selbst befanden uns in der Ostkordillere. Hinter uns lag der 4.712 m hohe Berg Ruminahui.
Die Wanderung bis und von Quito Loma weg führte durch den Páramo. Dieser stellt die letzte geschlossene und natürliche Vegetationsdecke der Anden dar, darüber hinaus wachsen nur noch Moose und Flechten.
Am Ziel unserer Wanderung angekommen, erwartete uns unser Bus, um nach Quito zu fahren. Zwei Stunden später kamen wir dort an. Der Hausberg Quitos, der Pichincha, spuckte am Morgen desselben Tages um 9.15 Uhr eine 17 km hohe Aschewolke in die Luft. Wären wir um diese Zeit bereits in Quito Loma gewesen, hätten wir diese gesehen - wir waren aber leider ungefähr zwei Stunden zu spät. Nachdem wir in unserem Hotel ankamen, haben wir erst einmal die dicke Staubschicht mit einer erfrischenden Dusche weggespült. Dann gingen wir mit Dirk einkaufen, da sein Koffer trotz des Optimismus von KLM bis dahin nicht aufgetaucht war. Mit Händen, Füßen und ein bißchen Spanisch schafften wir es Socken, Rasierapparat und andere wichtige Dinge des täglichen Bedarfs zu beschaffen. Volker und Carsten waren zunächst auch dabei, trennten sich aber von uns, um ein Internetcafé zu besuchen - sie waren schließlich schon seit langer, langer Zeit ohne Fußballergebnisse. Offensichtlich trennten sich die beiden später auch noch, was sich für Carsten als entscheidender Fehler herausstellen sollte.
Als er abends um 20.00 Uhr allein in unser Hotel zurückging begegnete er vier finsteren Gestalten, die ihn um Jacke, Foto, Geld und Kreditkarte erleichterten. Er selbst kam mit dem Schrecken davon. Wir gingen ungefähr um die gleiche Zeit mit Tanja, Markus, Dirk und Volker im nahegelegenen lauten aber gemütlichen Restaurant Boca del Lobo (was wohl so viel heißt wie das Maul des Wolfes) essen. Zum Abschluss des Tages gönnten wir uns danach in einer Bar einen Caipiriña.
Mittwoch, den 01.09.1999
Wir verließen unser Hotel um die übliche Zeit um mit dem Bus in die koloniale Altstadt Quitos zu fahren. Die Stadt erstreckt sich auf einem Bergbalkon am Fuße des Pichincha, mit einer Ausdehnung von 30 km in Nord-Süd- und 4 km in Ost-West-Richtung. Auch Quito wurde einige Zeit von den Inka beherrscht, von deren Bauten jedoch nur die Fundamente aus behauenem Stein erhalten blieben. Auf diesen gründeten die spanischen Eroberer am 06. Dezember 1534 ihre erste Siedlung. Unser Rundgang durch die Altstadt führte uns auch zum Hauptplatz der Stadt, der Plaza de la Independencia, im Volksmund Plaza Grande genannt.
In der Mitte des Platzes steht das "Monumento de los Heroes", das zum Gedenken an die Helden des Freiheitskampfes geschaffen wurde. An der Südseite des Platzes steht die Kathedrale, an der Westseite der Präsidentenpalast (Palacio de Gobierno), im Norden der Palacio Arzobispal (Palast des Erzbischofs) und im Osten das moderne Rathaus der Stadt.
In Quitos Bauten der Kolonialzeit gibt es viele Innenhöfe, von denen wir auch einige besichtigten, wie z.B. den des Gebäudes der Stadtverwaltung. Auch hier konnte Stefan es nicht lassen, wieder mit der Kamera einem kleinen Kolibri nachzujagen.
Danach besuchten wir - inzwischen von einer persönlichen Polizeieskorte begleitet - die zur Bischofskirche gehörende Kirche El Sagrario an der Straße García Moreno. Im Eingangsbereich dieser Kirche steht ein großes, sehr prächtiges hölzernes Portal, dessen Schnitzereien 7 Jahre beanspruchten.
Anschließend gingen wir weiter zur Plaza San Francisco, dort besichtigten wir eine der Kapellen des Monasterio de San Francisco. Mit dem Bau der Kirche wurde nur 50 Tage nach Stadtgründung im Jahr 1534 begonnen. Sie wurde 1604 vollendet und ist damit die älteste Kirche Südamerikas. Der Erbauer der Kirche, der flämische Franziskanermönch Jodoco Ricke wurde mit einer Statue vor der Kirche geehrt. Die Kapelle, bzw. deren prächtiger Schmuck ist mit mehreren Tonnen Blattgold verziert.
Vor den Kirchen in Quito gab es überall Devotionalienstände, an denen man allerlei Kitsch in Form von Heiligenbildchen, Statuen und vieles mehr kaufen konnte. Die Eingänge der Kirchen waren stets von Bettlern flankiert, die auf milde Gaben hofften.
Nach Besichtigung der Kapelle und des Innenhofs des Klosters trennten Stefan und ich uns von der Gruppe um auf dem Platz vor der Kirche die wichtigsten Postkarten zu schreiben und etwas über den Markt in der Altstadt zu bummeln. Wir brachten die Karten gleich zur Post und setzten uns dann noch auf die Plaza Grande, um die Menschen zu beobachten. Obwohl sich Stefan bereits auf dem Franziskaner-Platz die Schuhe putzen ließ, kam auch hier ein Schuhputzer nach dem anderen und bot seine Dienste an.
Mit dem Bus fuhren wir wieder in die Neustadt zurück, wo unser Hotel lag und gingen dort noch in der hübschen Umgebung bummeln.
Um 15.00 Uhr trafen wir uns dann alle vor dem Hotel um Quito bereits wieder zu verlassen und auf der ecuadorianischen Holperpiste, genannt Panamericana zu unserem nächsten Reiseziel zu fahren. Wir machten einige Fotostops, den ersten mit einem schönen Blick auf die Hauptstadt des Landes, das nächste Panorama das sich uns bot, war noch schöner: wir sahen die Berge Sinchalagua (=Schnee), den Krater des bereits ausgebrochenen Pasochoa, in dem sich ein Bergnebelwald gebildet hat und den Cotopaxi mit 5.897 m der höchste aktive Vulkan der Erde (Cotopaxi = Hals des Mondes, diese Bezeichnung stammt aus einer noch älteren Indianer-Sprache als Quechua). Wir fuhren weiter auf der "Straße der Vulkane", dieser Abschnitt der Panamericana wurde von Alexander von Humboldt so getauft, da sich zu beiden Seiten der Straße ungefähr 30 Vulkane befinden.
Nach drei Stunden Fahrt kamen wir dann in unserem Hotel, der Hacienda La Ciénega (=Sumpf), an. Hier hatte im Jahre 1802 auch schon Alexander von Humboldt übernachtet. Zu dem imposanten Steingebäude mit schön angelegten Innenhöfen mit maurischen Brunnen führt eine lange Eukalyptus-Allee. Das Anwesen wurde Mitte des 17. Jahrhunderts erbaut und über 300 Jahre von der Familie des Marquis de Maenza bewohnt. Die Glocke der Steinkapelle wurde 1768 eingebaut, als der Cotopaxi nach 26 Jahren verheerender Ausbrüche endlich zur Ruhe kam. Das Abendessen im Restaurant dieser Hacienda war hervorragend.
Donnerstag, den 02.09.1999
Da wir den in aller Frühe stattfindenden Viehmarkt in Saquisili besuchen wollten, brachen wir bereits um 7.30 Uhr auf. Im Bus begleitete uns eine Indígena, die indianische Malereien verkaufte. Stefan und ich konnten nicht widerstehen und erstanden ein bemaltes Holzkästchen. Auf dem Viehmarkt beobachteten wir wie um Schafe, Pferde, Kühe, Schweine und Lamas gefeilscht wurde und wie die Tiere die Besitzer wechselten. Ein guter, noch nicht ausgewachsener Ochse kostete hier ungefähr 500.000 Sucre (ca. 100,-- DM), ein Pferd ungefähr 1,2 Millionen Sucre (ca. 240,-- DM), ein kleines Ferkel gab es schon für nur 60.000 Sucre (12,-- DM).
Anschließend gingen wir auf den anderen Teil des Marktes. Hier gab es eigentlich alles zu kaufen: die typischen Handarbeiten wie Ponchos, Pullover, Webbilder, Taschen, Handschuhe, Socken, Bilder und vieles mehr, natürlich auch Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch, Mehl und Getreide. Es gab Kleintiere, Kleidung, Haushaltswaren - kurz, alles, was ein Ecuadorianer für das tägliche Leben begehrt. Es gab allerdings auch Dinge, die man sich nicht unbedingt wünscht, zumindest wir nicht: Fußmatten, Schalen und Körbe aus alten Autoreifen. Doch wer weiß, wozu auch das nützlich sein kann.
Um 10.30 Uhr ging unsere Fahrt weiter zum Cotopaxi-Nationalpark. Leider war das Wetter an diesem Tag ziemlich bescheiden, die Sicht war schlecht, die Wolken hingen tief und so fuhren wir oft im Nebel. Im Cotopaxi-Nationalpark besuchten wir zuerst ein kleines Museum, in dem neben einem Modell des Cotopaxi Fotos von Blumen und Tieren sowie ausgestopfte Tiere, die in dieser Gegend leben, ausgestellt waren.
Nach einer längeren Fahrt im Nationalpark durch eine immer kärger werdende Landschaft hielten wir zunächst auf einer Hochebene bei den Lagunas Limpias (=saubere Seen). In der Nähe dieser Seen lebt eine Herde Wildpferde. Obwohl das Futter in dieser Gegend nicht gerade reichlich ist, haben sich Ihren Besitzern entlaufene Pferde hier oben vermehrt. Unsere Fahrt führte uns jedoch noch weiter hinauf bis in eine Höhe von 4.000 m, um von dort aus bergab zu wandern. In der Landschaft, die von weitem karg und leblos erschien, gab es viele Moose und Blumen (die wohl fast alle entweder von Jürgen oder von uns fotografiert wurden), wie z. B. der Enzian der Anden, der heller als unser Enzian ist. Die Blüten wachsen dort alle mit sehr kurzen Stielen, um der Gefahr zu entgehen, durch den Wind abzubrechen. In unserer 1 ½ stündigen Wanderung hatten wir einen schönen Blick auf die weite Hochebene. Als die Wolken dann den Blick auf den Cotopaxi etwas freigaben, sahen wir, dass die Schneegrenze gar nicht mehr so weit entfernt war. Am Ende unserer Wanderung wartete wie immer pünktlich Manolo mit dem Bus auf uns und wir fuhren weiter nach Papallacta.
Die Fahrt führte die Westseite der Ostkordillere hinauf zum Pass Puerto de Papallacta, mit einer Höhe von 4.065 m der höchste Punkt unserer Reise. Die Landschaft der östlichen Hänge unterschied sich stark von der der westlichen Seite. Die wolkenverhangenen Hänge waren mit großen Flächen Bergnebel- waldes bewachsen, was uns sehr gut gefiel.
Gegen 17.00 Uhr kamen wir in unserem Hotel "Le Posada - Hostal de Montaña" in Papallacta an, einer sehr schönen Anlage mit gemütlich eingerichteten Zimmern und eigenen Thermalquellen. Das war natürlich herrlich: es dauerte nicht lange, bis wir fast alle im heißen Wasser saßen (die Heiß-Duscher unter uns fanden es gerade richtig, mir persönlich war es fast zu heiß) und uns unterhielten. Wir Frauen haben dann auch den Sprung ins kalte Wasser gewagt, von den Männern nur zwei, der Rest konnte sich nicht dazu überwinden.
Freitag, den 03.09.1999
Um 8.00 Uhr fuhren wir ab aus Papallacta - leider zu früh um noch ein Bad in den heißen Quellen zu nehmen. Es ging weiter die Osthänge der östlichen Kordilleren hinab. Von 3.100 m Höhe in Papallacta bis auf 350 m im Amazonasgebiet. Zunächst kamen wir durch Gebiete mit Bergnebelwald, in denen die Hänge noch zu steil sind um bewirtschaftet zu werden. In den tieferen Regionen kamen wir dann in Regenwaldgebiete, in denen kleine Flächen abgeholzt wurden, um dort Ackerbau zu betreiben. Lange Zeit fuhren wir durch ein Tal, durch das eine Ölpipeline führte, die Erdöl aus dem Amazonasgebiet über die Anden befördert. Nach einiger Zeit hatten wir einen phantastischen Blick über die riesigen Regenwälder, im Hintergrund sahen wir den perfekt kegelförmigen Vulkan Sumacu. Temperatur und Luftfeuchtigkeit nahmen mit abnehmenden Höhenmetern stetig zu. Nach gut drei Stunden kamen wir in Tena an, einem Städtchen am Rio Napo, einem der größeren Quellflüsse des Amazonas. Dort konnten wir noch etwas einkaufen und essen. Nach einer Stunde Aufenthalt, fast jeder um ein paar Sandalen oder Badeschlappen reicher, ging es dann endgültig los in Richtung Dschungel.
Der Weg führte zunächst am Rio Napo entlang, dann hielt Manolo plötzlich mitten auf der Straße an. Wir waren am Ausgangspunkt unserer Dschungelwanderung angelangt - auch wenn der Weg in den Dschungel mit unseren ungeschulten Augen nicht sofort zu erkennen war. Um auch wirklich jede Sandfliege und jeden Moskito in die Flucht zu schlagen, rieben wir uns kräftig mit Autan ein. Wir sahen mit unseren Gummistiefeln, zu denen manche von uns kurze Hosen trugen, nicht gerade filmreif aus, dafür waren wir aber ganz gut ausgerüstet. Wir sollten bald feststellen, dass uns unser Weg durch Schlamm und teilweise sogar durch Bäche führte.
Er war beschwerlich und manchmal sehr steil - der allgegenwärtige Matsch vereinfachte die Sache auch nicht gerade, für einen Schritt vorwärts rutschten wir zwei zurück. Nach kurzer Zeit waren wir schmutzig, verschwitzt und mußten unsere Wasservorräte gut einteilen. Trotz allem: unsere erste Dschungelwanderung hat riesigen Spaß gemacht, der Weg war toll. Tiere sahen wir nicht viel, zumindest keine großen und glücklicherweise auch keine Schlangen - zur Erleichterung von Tanja und mir.
Dafür sahen wir einige wunderschöne Schmetterlinge (die aber leider nicht brav für ein Foto sitzen blieben) und natürlich die unvermeidbaren Insekten, wie Termiten und Riesenameisen (Dirk durfte später mit diesen seine speziellen Erfahrungen machen, als er am nächtlichen Himmel das Kreuz des Südens zeigte. Nur soviel dazu: die Bisse dieser possierlichen Tierchen sollen recht schmerzhaft sein). Stefan schlug ein großes schwarzes, befelltes Tier in die Flucht, konnte aber nicht erkennen, um was für ein Tier es sich handelte. Nach gut 3 ½ Stunden kamen wir dann verschwitzt und schmutzig in unserem Dschungelcamp an und nahmen zuerst ein erfrischendes Bad im Rio Puni, in diesem Fluß hatten wir wenigstens die Chance, nicht von der Strömung weggespült zu werden. Das Camp selbst liegt am Rio Arajuni, auch einem Zufluß des Amazonas, hier war die Strömung allerdings so stark, dass man nicht unbedingt baden sollte, wenn man die Reise nicht in Peru fortsetzen wollte. Unsere Unterkünfte waren kleine auf Pfählen gebaute Holzhütten, mit jeweils zwei Zimmern. In jedem Zimmer standen nur zwei Betten mit Moskitonetzen darüber und ein Nachttisch.
Nach unserem Abendessen gab es eine nette Überraschung: in der Bar bekamen wir einen Begrüßungscocktail (irgendein undefinierbares, natürlich alkoholhaltiges, indianisches Getränk) und dazu machte unser Dschungelführer Pepe mit drei Indios Musik.
Samstag, den 04.09.1999
Morgens stellten wir fest, dass im Dschungel wirklich alles immer feucht ist. Wir hatten die Handtücher und unsere Kleidung über eine Leine gehängt und damit der Feuchtigkeit eine noch bessere Angriffsfläche geboten. Es war sehr unangenehm, die feuchten Kleider anzuziehen. Glücklicherweise trockneten sie durch die Körperwärme bald - lange sollten wir aber nicht trocken bleiben.
Wir brachen zu einer weiteren Wanderung durch den Regenwald auf. Zunächst besuchten wir ein kleines Krankenhaus in der Nähe unseres Camps, das im Rahmen der direkten Entwicklungshilfe von Wikinger gegründet und weiterhin unterstützt wurde. Die Ärzte, die aus Quito kommen, behandeln die ansässige Bevölkerung und leisten Geburtshilfe. Bisher blieb jedoch keiner der Ärzte sehr lange, da die Lebensbedingungen sowie die ständig hohe Luftfeuchtigkeit für die an andere Voraussetzungen gewöhnten Großstädter nicht gerade einfach sind.
Nach dem Besuch des Krankenhauses und nachdem wir den Rio Puni in einem Einbaum überquert hatten (ein recht wackliges Vergnügen), begann unsere eigentliche Wanderung durch den tropischen Regenwald. Nach kurzer Zeit wurde uns dann auch klar, warum der Regenwald Regenwald heißt - es begann in Strömen zu regnen und hörte auch so schnell nicht wieder auf. Dabei wurde es unter dem dichten Blätterdach sehr dunkel. Pepe, unser Dschungelführer und ausgebildeter Biologe zeigte uns dennoch viele Pflanzen, die in der Naturmedizin eingesetzt bzw. gegessen werden konnten.
Es gibt Pflanzen, die als Wundverband eingesetzt werden und blutstillend wirken, andere, die eine fiebersenkende Wirkung haben (schmeckt eklig bitter!) oder bei Schlangenbissen helfen und auch Bäume, deren chininhaltige Rinde bei Malariaerkrankungen eingesetzt wird. Wir sahen einfache Unterstände aus Zweigen, die von den Einheimischen gebaut werden, um Tieren aufzulauern. Als sich der Dschungel etwas lichtete kamen wir bei einigen Familien vorbei, die sich auf den Waldlichtungen ihre Hütten gebaut haben. Außer den Arzneipflanzen, probierten wir auch wilde Zitronen und Palmherzen (deren Geschmack ähnelte etwas dem von Spargel). Nach 3 ½ Stunden kamen wir am Rio Arajuni an. Dort kamen nach kurzer Zeit Boote an und wir konnten wählen, ob wir mit diesen zum Camp gebracht werden wollten oder in Schläuchen von Lastwagenreifen. Der Großteil zog die schnellere Rückfahrt mit dem Boot vor, ein paar Unerschrockene jedoch (Dirk, Kerstin, Bernd, Birgitt, Jürgen, Carsten, Stefan und ich sowie Pepe) haben sich das Vergnügen, noch nässer zu werden aber nicht nehmen lassen. Es hat riesig Spaß gemacht, sich von der Strömung zum Camp zurück treiben zu lassen, das Wasser kam jetzt eben von oben und von unten. Leider dauerte das Vergnügen nur eine Viertelstunde. Die starke Strömung des Arajuni machte es uns fast unmöglich, wieder aus dem Fluß herauszukommen, so wurden wir dann von einem Boot aus aus dem Wasser gefischt.
In der folgenden 1 ½-stündigen Mittagspause konnten wir uns wieder "trockenlegen" und natürlich zu Mittag essen. In unserem Camp-Aufenthalt war Vollverpflegung eingeschlossen, die Menü-Kombinationen waren zwar häufig abenteuerlich, aber durchaus schmackhaft.
Nachmittags hatte der Regen aufgehört und wir besuchten das Tiergehege des Camps. Dort lebten vom Aussterben bedrohte Tiere, die von den Betreibern des Camps in diesem Gehege angesiedelt wurden. Als erstes kam ein kleines, sehr zutrauliches Wasserschwein zu uns. Es ließ sich kraulen und hat uns zum Dank dafür nicht nur die Beine abgeschleckt, sondern auch die Gummistiefel angeknabbert. Stefan hat sich mit dem Schweinchen besonders angefreundet. Bis auf eine kleine Abkürzung, die es zwischendurch nahm, ist es ihm daraufhin die ganze Zeit treu und brav nachgelaufen. Außer dem Schweinchen sahen wir noch einen Tapir, Kaimane und die angriffslustigen Kragenschweine. Ganz zum Schluß haben José, Pepé und Stefan eine flüchtende Giftschlange gesehen. Wie man sich denken kann, waren Tanja und ich nicht gerade traurig, sie "verpaßt" zu haben.
Abends hatten wir dann Besuch von einem Schamanen, der an fünf Freiwilligen eine rituelle Reinigung durchführte. Dabei schlug er mit einem Büschel getrockneter heiliger Blätter auf Kopf und Schultern der zu reinigenden Person und fing so die bösen Geister auf, die er dann mit einer entsprechenden Geste fortwarf. Bevor aber ein Schamane seine Zeremonien durchführt, versetzt er sich mit einem Halluzinogen aus den gekochten Blättern der Ayuahuasca-Pflanze in einen Rauschzustand. Da diese Essenz sehr bitter schmeckt, spült er mit einem kräftigen Schluck Zukerrohrschnaps nach.
Die bösen Geister, die mit Hilfe der Blätter nicht aufgefangen werden konnten, werden dann mit einem gräßlichen Geräusch aus dem Kopf herausgesaugt und mit nicht weniger scheußlichen Lauten ausgespuckt. Die Indianer glauben, dass Krankheiten nicht durch Bakterien oder Viren übertragen, sondern von bösen Geistern und schlechten Winden verursacht werden. Doch wer so gereinigt wird, dem dürfte eigentlich nichts mehr passieren.
Sonntag, den 05.09.1999
Wir trafen uns wieder zu einer weiteren Dschungelwanderung. Unser Weg führte zuerst bergauf zu einem dreistöckigen hölzernen Aussichtsturm. Wir hatten an diesem Tag Glück mit dem Wetter und konnten so über die riesigen Regenwälder bis zu den Anden sehen.
In der Nähe des Turms wuchs wilder Koriander, der von den Einheimischen sehr häufig zum Würzen der Speisen verwendet wird (leider!). Er stinkt jedoch gewaltig und schmeckt auch nicht gerade besser. Der Weg, den wir an diesem Tag durch den Dschungel nahmen, war noch schmäler als an den vorhergehenden Tagen. Teilweise war er so von Pflanzen überwuchert, dass wir ihn kaum erkennen konnten und mußte daher von Pepe mit der Machete "begehbar" gemacht werden. Unterwegs sahen wir eine dicke Curare-Liane, die sich an einer Palme emporwand. Die Amazonas-Indianer schaben mit ihrem Macheten Rindenstücke ab, um diese zu kochen. Aus dem Sud entsteht ein Nervengift, das das Tier, das von den vergifteten Pfeilen getroffen wird, betäubt. Die mit dem Blasrohr geschossenen Pfeile werden ungefähr 5 cm nach der Spitze eingekerbt und brechen ab, wenn das verwundete Tier versucht, sie zu entfernen. Auf diese Weise hat das Gift genug Zeit, in die Nervenbahnen einzudringen und das Tier zu betäuben. Anschließend kann dieses von den Jägern leicht getötet werden.
Kurz darauf trafen wir auf eine andere Liane: sie hing von einem Urwaldriesen und war stark genug, dass wir daran über einen Bach schwingen konnten. Das hat so viel Spaß gemacht, dass Stefan sogar ein paar Mal Tarzan spielte. Bis auf Barbara, die abgerutscht ist und in dem Bach, den wir überqueren sollten, ein unfreiwilliges Bad nahm, sind wir alle gut auf der anderen Seite angekommen. Nach knapp 4 Stunden trafen wir wieder im Camp ein, wo es bald Mittagessen gab.
Nach dem Mittagessen hatten wir erst noch eine ausgedehnte Pause und fuhren später zu einer Quechua-Familie den Rio Puni hinauf. Die Quechua-Indianer lebten zunächst im Hochland, wurden dann aber von den Inka vertrieben und siedelten daraufhin in Amazonien an. Die Quechua wiederum vertrieben die Huaorani in den tieferen Dschungel.
Zuerst führte uns die Mutter der Familie auf ihr Feld, um uns zu zeigen wie Maniok, eine der Kartoffel ähnliche Knolle, geerntet wird. Dann zeigte uns der Familienvater seine Flechtkunst: aus Palmenfasern fertigte er eine kleine Fischreuse sowie ein Körbchen an. Beides sollte als Preis für den Gewinner des späteren Blasrohrschießens dienen.
Die Mutter hatte inzwischen weichgekochten und geschälten Maniok vorbereitet. Das gründliche Schälen ist sehr wichtig, da die Schale blausäurehaltig ist. Sie wollte uns zeigen, wie man Chicha, ein leicht alkoholisches, für dieses Gebiet typisches Getränk, herstellt. Die weichgekochten Knollen werden zerstampft, ein Drittel der Masse wird zusätzlich zerkaut, da durch den Speichel die Gärung angeregt wird. Da diese Vorstellung nicht gerade appetitlich ist und da bei manchen Montezumas Rache schwer zugeschlagen hatte, blieben einige unserer Mitreisenden im Camp, da sie auf das "Vergnügen", die Chicha zu probieren, verzichten wollten.
Zur geschmacklichen Verbesserung (???) gab die Frau eine geriebene Süßkartoffel hinzu. Danach wird die Masse mit Wasser aufgegossen und zwei Tage zur Gärung beiseite gestellt. Nun "durften" wir bereits fertig gegärte Chicha probieren. Es ist fast unnötig zu erwähnen, dass diese Stefan und mir überhaupt nicht schmeckte.
Das Programm danach war da schon eher nach unserem Geschmack. Der Familienvater zeigte uns, wie man mit einem 2 m langen Blasrohr auf eine ungefähr 8 m entfernte Papaya schießt. Manche von uns trafen nicht, manche ein Mal, Pia und ich gewannen mit je zwei Treffern. Sie bekam die Reuse, ich das Körbchen. Bevor wir zurück ins Camp fuhren, konnte, wer wollte, noch kleine tönerne Gefäße kaufen. Nach dem Abendessen fuhren wir in der Nacht den Rio Puni hinauf. Da es weit und breit keine Elektrizität und somit keine störenden Lichter gab und sich außerdem keine Wolke am Himmel zeigte, konnten wir einen wunderschönen Sternenhimmel sehen. Unser Bootsführer stellte den Motor ab und wir ließen uns langsam den Rio Puni hinabtreiben, wobei wir die Sterne beobachteten - sogar einige Sternschnuppen waren zu sehen. Wir hörten nur die Geräusche des Dschungels, der nachts erstaunlich laut ist. Beim leichten Schaukeln des Bootes liefen wir allerdings Gefahr, einzuschlafen. Weil diese Nachtfahrt so schön war, weigerten wir uns auszusteigen, als wir wieder am Camp ankamen, so unternahmen wir eine weitere, noch längere Fahrt. Dabei ist unser Bootsführer dann tatsächlich eingeschlafen.
Montag, den 06.09.1999
Um 9.00 Uhr trafen wir uns alle an der Bootsanlegestelle des Camps, wo wir in zwei motorbetriebene Kanus stiegen.
Unser Aufenthalt im Dschungel war leider schon vorbei und es ging wieder zurück in die Zivilisation mit elektrischem Licht, Duschen mit warmem Wasser und natürlich Straßen und Autos. Wir fuhren ungefähr eine Stunde den Rio Arajuni hinab. Von den Booten aus konnten wir dann noch einmal den Blick auf den Dschungel genießen. Manolo holte uns mit dem Bus ab und wir fuhren auf einer schrecklich holprigen Straße nach Puyo, das bereits 1.000 m hoch und damit 710 m höher als unser Urwaldcamp lag. Dort war es trotzdem noch sehr heiß. Wir besichtigten kurz eine Schnapsbrennerei, in der Zuckerrohrschnaps gebrannt wurde. Leider mussten wir diesen auch probieren, was bei einem Alkoholgehalt von 72 % nicht gerade ein Vergnügen war. Mich wunderte es nicht, dass mir noch einige Stunden danach ziemlich schlecht war.
Nach Puyo kamen wir in das wunderschöne Tal des Rio Pastaza. Diese Strecke soll eine der schönsten Autostrecken Ecuadors sein. Kerstin, Annette, Thomas, Stefan und ich genossen diese Aussicht und den Fahrtwind auf dem Busdach - nachdem wir von Manolo fast schon dazu gedrängt wurden - und konnten von dort auch ein paar schöne Fotos machen. Wenn der Bus Brücken überquerte, waren diese allerdings vom Dach aus nicht zu sehen und wir fragten uns, wo um alles in der Welt Manolo eigentlich darüber fuhr. Die Berghänge des Tales waren bis ganz nach oben vollständig bewachsen und es gab viele Wasserfälle. Unsere Mitreisenden wußten schon vor uns, dass wir durch einen solchen auch fahren sollten und amüsierten sich darüber natürlich bestens. Jetzt wußten wir auch, warum Manolo sich so sehr über Fahrgäste auf dem Busdach freute. Wir wurden alle mehr oder weniger nass, aber die Fahrt in luftiger Höhe lohnte sich trotzdem.
Nach der gut 5stündigen Busfahrt kamen wir in Baños, einem sehr hübschen Touristenstädtchen in ungefähr 1.850 m Höhe an. Nachdem wir geduscht hatten, gingen wir mit Dirk bummeln. Dabei besichtigten wir kurz die entsetzlich geschmacklose Kathedrale, deren Erbauer noch nicht einmal davor zurückschreckten, eine Madonnenstatue mit rosafarbenen und hellblauen Neonröhren zu beleuchten. Abends gingen wir dann alle zusammen in ein Restaurant, in dem eine sehr gute Indio-Gruppe spielte. Das Essen war gut und es gab einen total süßen Riesenhasen (tatsächlich noch viel größer als Molly), der sich von uns streicheln ließ. Manolo gab ihn mir sogar auf den Schoß.
Dienstag, den 07.09.1999
Bevor wir zu unserer ersten Wanderung in den Bergen von Baños aufbrachen, besuchten wir eine Balsaholz-Schnitzerei, wo wir zuschauen konnten, wie die schönen Tiere, die es hier überall zu kaufen gab, hergestellt werden. Unser Wanderweg führte uns danach oberhalb unseres Hotels immer den Berg hinauf. Es war sehr anstrengend, wir wurden aber mit sehr schönen Aussichten auf Baños und die umliegenden Berge belohnt. Als ein Einheimischer uns dann aber joggend überholte, als wir völlig außer Atem den Berg hinauf keuchten, waren wir doch etwas frustriert.
Das Städtchen Baños liegt zu Füßen des Vulkanes Tungurahua, bei dem schon seit einiger Zeit vermehrte Aktivitäten festgestellt werden. Unsere Wanderung führte uns zu einem in der Nacht beleuchteten Kreuz, dann weiter den Berg hinauf, vorbei an einer unter Schweizer Leitung stehenden Hosteria und wieder hinab zu einer fürchterlich häßlichen Madonnenfigur. Endpunkt unserer Wanderung war der Friedhof von Baños, wo wir uns trennten.
Einige von uns gingen in den Zoo, wir anderen gingen zu einer kleinen Tagua-Schnitzerei. Dort werden kleine Tierfiguren und Schmuck aus den Samen der Tagua-Palme geschnitzt. Die Farbe und Beschaffenheit der Samen ähneln Elfenbein sehr stark. Natürlich kauften wir in dem Laden auch einige Souvenirs. Der von uns, der die meisten Souvenirs kaufte, sollte eine kleine Vase bekommen. Wir lagen zwar auch nicht schlecht im Rennen, aber Jürgen hat uns doch noch geschlagen.
Stefan und ich trennten uns nun auch von diesem Teil der Gruppe, gingen kurz zurück zum Hotel und dann nach Baños zum Bummeln. Nachdem wir noch einige Souvenirs (wie konnte es anders sein: Balsaholzfiguren) gekauft, gegessen und telefoniert hatten, kehrten wir in unser Hotel zurück. Nach einer wohltuenden Pause, trafen wir uns wieder mit allen anderen, um zum Abendessen in ein französisches Restaurant zu fahren. Es war nicht weiter verwunderlich, dass dieses Essen wohl das schlechteste während unserer gesamten Reise war.
Mittwoch, den 08.09.1999
Heute stand die längste Wanderung der gesamten Reise auf dem Programm. Zwischen 6 und 8 Stunden waren dafür vorgesehen. Dies hatte offensichtlich eine abschreckende Wirkung, so dass sechs unserer Mitreisenden auch gleich absagten. Wir anderen trafen uns um 8.30 Uhr und wurden per Bus zu unserem Ausgangspunkt gebracht - eine halbe Stunde später begann unsere Wanderung. Gut 1 ½ Stunden ging es steil bergauf - in dieser Zeit überlegte ich mir mehr als ein Mal, ob ich nicht doch umdrehen soll, mein plötzlich erwachter, sportlicher Ehrgeiz ließ dies jedoch nicht zu. Wir machten eine kurze Pause, danach ging es zwar wesentlich besser, aber noch weitere 2 ½ Stunden nur bergauf. Birgitt drehte in dieser Zeit um. Nach 4 Stunden und 600 überwundenen Höhenmetern machten wir endlich unsere wohlverdiente Mittagspause. Wir waren beim höchsten Punkt unserer Wanderung angelangt (ungefähr 2.500 m), hatten ein sehr schönes Plätzchen gefunden und manche von uns dösten nur etwas in der Sonne, andere schliefen den Schlaf der Gerechten.
Leider gaben die Wolken nur ab und zu kleine Flächen des Tungurahua frei, auf den wir während der ganzen Wanderung nie eine völlig freie Sicht hatten (obwohl wir der Ansicht waren, das schon allein unserer Anstrengung wegen verdient zu haben).
Nach einer Stunde Pause brachen wir wieder auf, die Strecke führte jetzt nur noch bergab. Wir waren alle sehr stolz, als wir bei unserem Bus ankamen - wir hatten die angesetzte Zeit unterboten und nur 5 ¾ Stunden gebraucht.
Bei der Rückfahrt im Bus sahen wir den Tungurahua bis auf ein paar kleine Wolken am Gipfel in seiner vollen Größe von 5.023 m. Die Wanderung bot uns einige herrliche Aussichten und auch ich war froh, sie mitgemacht zu haben.
Zurück in Baños haben wir dann wieder Balsa-Schnitzereien gekauft: kleine Sticker und einen Tukan zur Belohnung.
An diesem Abend fuhren wir zum Essen in die Schweizer Hosteria, an der wir am Vortag vorbei gekommen waren.
Donnerstag, den 09.09.1999
Nachdem wir am Vorabend leider verpaßt hatten, den Tungurahua völlig wolkenfrei und sogar "rauchend" zu sehen, gingen wir bereits um 6.30 Uhr zum Busbahnhof, da man von dort bei gutem Wetter einen schönen Blick auf den Vulkan haben sollte. Leider hatten wir jedoch wieder Pech, der Berg war völlig in den Wolken verborgen. Wir gingen daher zurück ins Hotel zum Frühstücken. Anschließend fuhren wir aus Baños ab. Nach einer knappen Stunde kamen wir in einem Dorf der Salasaca-Indianer an, wo wir von einem der Bewohner durch das Dorf geführt wurden. Im Hintergrund des Dorfes sahen wir den 5.020 m hohen Carihuairazo, der sich in unmittelbarer Nachbarschaft des knapp 1.300 m höheren Chimborazo erhebt, aufragen.
Die Salasaca lebten ursprünglich am Titicaca-See wurden jedoch von den Inka vertrieben. Heute gibt es in der Nähe von Baños 18 Dörfer der Salasaca.
Nachdem Stefan in Baños schweren Herzens darauf verzichtet hatte, hatte er hier sogar die Gelegenheit, kurz auf dem Pferd unseres Dorfführers zu reiten - allerdings ohne Sattel.
Unser Führer, ein kleiner Indio, der den für die Salasaca typischen weißen Filzhut aufhatte, zeigte uns auch Webereien der Dorfgemeinschaft. Nachdem wir nun so lange erfolgreich der Versuchung widerstanden, einen Teppich zu kaufen, versagte hier unser Widerstand dann doch - wir kauften einen Teppich mit heiligen Tiermotiven.
Wieder um ein paar Sucre ärmer, dafür um ein Souvenir reicher, setzten wir unsere Fahrt in Richtung des mit 6.310 m höchsten Berges Ecuadors - dem Chimborazo - fort. Der ecuadorianische Wettergott war uns wieder nicht freundlich gesonnen und so waren sowohl Chimborazo als auch Carihuairazo in dicke Wolken gehüllt. Unsere Wanderung ging wieder relativ lange bergauf, bis wir in den Páramo kamen, wo anscheinend viele wilde Kaninchen leben sollen, von denen wir jedoch nur die Hinterlassenschaften sahen. Wir starteten unsere dreistündige Wanderung in einer Höhe von ca. 3.500 m und kamen bis auf 3.700 m hoch. Um 16.30 Uhr waren wir wieder bei unserem Bus. Der Himmel klarte dann doch noch immer weiter auf und bald waren beide Berge nahezu wolkenfrei zu sehen.
Wir fuhren schnell ab Richtung Riobamba, da einige dort noch Geld wechseln wollten. José schlug uns außerdem noch vor, etwas in Riobamba zu "bumbeln", (seinen Versprecher bemerkte er nicht).
Nach einigen Metern aber endete unsere Fahrt ziemlich aprupt: wir fuhren durch eine kleine Talsenke, hinunter kam der Bus, aber nicht mehr hoch. In dem lockeren Erdreich rutschte er seitlich ab und blieb im wahrsten Sinne des Wortes tief im Dreck stecken. Ab ca. 16.50 Uhr warteten wir also in der Kälte... Stefan holte alles, was wir zum Anziehen dabei hatten aus dem Bus, aber da wir ja alle zur Untätigkeit gezwungen waren, froren wir trotzdem. Petra und Pia versuchten die Kälte mit Zuckerrohrschnaps auszugleichen, der jedoch eher eine andere Wirkung hatte.
Manolo ging los, um Helfer zu suchen. Nach einiger Zeit kam er zurück. Er hatte tatsächlich nicht nur einige Leute, sondern auch einen Traktor organisiert. Nun begann eine ziemlich spannende Aktion. Mit Hilfe des Traktors, vielen Helfern, die die Erde abgruben und einigen Stämmen und Steinen wurde versucht, den Bus herauszuziehen.
Wir haben es nicht geglaubt, dass der kleine Traktor dazu in der Lage wäre, aber wieder Erwarten war es um 18.10 Uhr geschafft, der Bus war frei und wir konnten weiterfahren. Wir setzten unsere Fahrt nach Riobamba fort und kamen dort nach gut einer Stunde an. Für einen Geldwechsel oder nur einen "Bumbel" war es jetzt natürlich zu spät.
Freitag, den 10.09.1999
Wir mussten schon um 6.30 Uhr los - leider ohne Frühstück - um zum Bahnhof zu fahren. Als wir dort ankamen waren die Dächer der beiden Güterwaggons trotzdem schon voll. Da es aber ohnehin sehr kalt war und zudem noch regnete waren wir darüber nicht besonders traurig. Der Zug fuhr pünktlich um 7.00 Uhr ab, Stefan und ich fuhren mit einigen anderen in der 3. Klasse, d.h. in einem Güterwaggon mit drei hölzernen Bänken als einzigem "Komfort". Die vier Fenster und die großen Türen waren offen, so dass wir gut nach draußen sehen konnten, allerdings war es dadurch auch so kalt, dass wir unseren Atem sehen konnten. Ich hatte sechs Kleiderschichten an und fror trotzdem. Die Zugfahrt begann um 7.00 Uhr in Riobamba und endete um 12.20 Uhr in Alausí, in dieser Zeit überwanden wir einen Höhenunterschied von 3.250 m bis auf 1.800 m.
Der erste Halt war in Guamote, hier frühstückte das Zugpersonal und auch wir konnten uns etwas zu essen kaufen. Die Auswahl war hier gar nicht schlecht, aber ich schaffte es doch tatsächlich, ausgerechnet ein Käsebrötchen zu kaufen - igitt - aber ich versuchte, um den Käse herum zu essen. Der nächste Halt war bereits Alausí, wo wir uns auch noch ein Plätzchen auf dem Zugdach ergatterten, um die spektakuläre Fahrt um die Teufelsnase von dort oben zu genießen. Die Dächer der Waggons waren inzwischen voller als die Innenräume. Nach Alausí ging es bergab in das Tal des Flusses Chan Chan. Auf der Strecke rutschten wir glücklicherweise nicht vom Zugdach, dafür aber zumindest mir das Herz in die Hose. Stefan und ich saßen auf der dem Tal zugewandten Seite und sahen direkt in die Tiefe. Dass uns José am Vorabend erzählte, dass der Zug häufig entgleist, trug auch nicht gerade zu meiner Beruhigung bei. Ich war allerdings sehr beschäftigt damit, Stefan am Hosenbund festzuhalten, da er ganz unbekümmert auf dem Zugdach umher turnte, um gute Fotos zu schießen.
Bald passierten wir auch die Teufelsnase, einen Bergabschnitt, der so steil ist, dass der Zug immer in Sackgassen (bwz. Serpentinen) fahren muss, um die starke Steigung zu überwinden.
Die heutige Endstation der Zugstrecke ist das 1.800 m hoch gelegene Simbambe. Früher fuhr der Zug weiter an die Küste nach Guayaquil, bei einem Erdrutsch vor einiger Zeit wurde die Strecke jedoch verschüttet.
Nachdem Lok und Waggons umgekoppelt waren, fuhren wir wieder zurück nach Alausí, wo unser Bus auf uns wartete. Wir gingen zum Mittagessen, wo es einige nicht lassen konnten, gegrillte Cui, d.h. Meerschweinchen, die Spezialität des Landes zu probieren. Mir hat es schon bei dem reinen Anblick gegraust und Stefan zog Meerschweinchen als Haustier den Meerschweinchen als Nahrung ebenfalls vor. Nach dem Essen fuhren wir weiter nach Ingapirca und kamen dort 3 Stunden später an. Der Name Ingapirca stammt aus der Quechua-Sprache und bedeutet "Mauer der Inka". Die Anlage wurde um das Jahr 1500 auf einem ehemaligen Zeremonialplatz der Cañari-Indianer erbaut. Sie bestand aus dem aus fugenlosen Quadersteinen errichteten Sonnentempel, Zeremonial- und Wohngebäuden sowie Festplatz, Wirtschaftsgebäuden und Anbauflächen. Bewohnt wurde die Anlage von ungefähr 120 Personen. Darüber hinaus wohnten niedere Militärs in einem Zeltlager außerhalb der Anlage. Als Anhänger des Sonnenkults bauten die Inka die der Sonne geweihten Tempel mit besonderer Sorgfalt (Marco-Polo, Seite 57). Der Tempel dieser Anlage hat eine elliptische Form und ist nach Osten und Westen ausgerichtet. Im Inneren des Tempels standen in Nischen goldene Statuen, die von der auf- und untergehenden Sonne angestrahlt wurden und das Licht weit in das Land reflektierten. Auf diese Weise demonstrierten die Inka ihre Macht. Etwas unterhalb des Sonnentempels lag das Haus der Jungfrauen. Diese wurden bereits als junge Mädchen aus hochgestellten Familien in den Tempeldienst gegeben. Dort wurden sie auf ihren Tod vorbereitet. Die Mädchen wurden im Alter von 12 bis 15 Jahren als Menschenopfer dargebracht. Sie wurden dazu mit einem Rauschgift betäubt, damit das Herz bei lebendigem Leib entfernt werden konnte. Nach dem Glauben der Inka durften nur lebende Opfer dargebracht werden. Das Haus ist heute noch sehr gut erhalten, das ehemals mit Gras gedeckte Dach fehlt, die Mauern stehen jedoch noch in ihrer vollen Höhe von ca. 2 m. Haustüren und Nischen der Inkabauten waren nicht rechteckig, sondern trapezförmig, dies führte zu einer höheren Stabilität bei Erdbeben.
Die Mauern wurden nach demselben Prinzip erbaut, wie römische Bauwerke: zwei äußere Gesteinsschichten (hier aus Vulkangestein) umschlossen eine innere Schicht, die aus Erde und kleinen Steinen bestand. Beim Bau von Ingapirca fanden die Inka ein Massengrab der Cañari vor, das sie im Gegensatz zu ihren sonstigen Gewohnheiten unbehelligt ließen. Wie die Cañari, begruben auch die Inka ihre Toten in Embryonal-Stellung, da sie an Wiedergeburt glaubten.
Wenn ein hochgestellter Inka starb, wurde seine Dienerschaft bei lebendigem Leib mit ihm begraben - nur mit Hilfe desselben Rauschgifts betäubt, das auch bei den Opferungen der Jungfrauen verwendet wurde. Abschließend besuchten wir ein kleines Museum, in dem Keramiken, Schmuck und Waffen der Cañari und Inka ausgestellt wurden. Dann fuhren wir zu unserer Hosteria "Posada de Ingapirca", wo wir bereits nach 5 Minuten ankamen. Abendessen gab es in einem gemütlichen Speisezimmer mit offenem Kamin.
Samstag, den 11.09.1999
Um 8.00 Uhr fuhren wir aus unserer Hosteria ab. Diese Übernachtung in etwas über 3.100 m war die höchste auf unserer gesamten Reise. Wir kamen noch höher, auf etwa 3.500 m und trafen nach längerer Fahrt im 2.530 m hoch gelegenen Cuenca ein. Zuerst hielten wir kurz an einem Aussichtspunkt um wieder fast alle dasselbe Foto zu machen, dann fuhren wir weiter zu unserem Hotel "El Quijote", wo wir um 10.30 Uhr eintrafen. Nachdem wir alle unseren Sucre-Bestand wieder aufgestockt hatten, begannen wir unsere Führung durch die koloniale Altstadt. Als erstes kamen wir zur Allerheiligen-Kirche, der ältesten Kirche Cuencas, der auch eine Schule angeschlossen ist.
Cuenca war ursprünglich eine größere Cañari-Siedlung, bis auch sie von den Inka erobert wurde. Der frühere Name der Stadt war Tumipampa (Ebene des Messers), dann Tomebamba.
Wir gingen anschließend zu einer alten Steinbrücke, die früher über den Rio Tomebamba führte. Unser nächstes Ziel war der Franziskanerplatz mit der Franziskanerkirche aus dem 17. Jahrhundert, die Mitte des 19. Jahrhunderts bei einem Erdbeben stark beschädigt wurde. Von diesem Platz aus, auf dem sich ein Textilmarkt befindet hat man einen sehr schönen Blick auf die neue Kathedrale. Unser Weg zu dieser führte uns am Blumenmarkt vor der Auferstehungskirche aus dem Jahre 1682 vorbei. Wir kamen an den Hauptplatz von Cuenca, dem Parque Abdon Calderón. An diesem Platz liegen sowohl die alte als auch die neue Kathedrale der Stadt. Mit dem Bau der alten Kathedrale wurde 1557, im Jahr der Stadtgründung, begonnen. Die neue Kathedrale direkt gegenüber wurde im Jahre 1885 von dem Schwaben Johannes B. Strehle erbaut. Beim Entwurf der Glockentürme verrechnete sich dieser jedoch - da sie für die Kirche viel zu schwer waren, konnten sie nicht vollendet werden. Die Kirche ist die größte Südamerikas, sie ist 105 m lang, 42,5 m breit und in der höchsten Kuppel 55 m hoch. Der Marmor der Böden stammt aus Carrara, Marmor und Alabaster der Wände lieferten einheimische Steinbrüche. Wir sahen uns die Kirche natürlich auch von innen an. Von denen, die wir bis dahin in Ecuador gesehen hatten, gefiel sie uns am besten, da sie nicht so überladen und kitschig war.
Nach Besichtigung dieser Kirche gingen wir weiter bis zur Dominikanerkirche, wo unser Rundgang endete. Dirk und wir suchten nun ganz Cuenca nach einer geeigneten Tasche ab, um die, die ihm abhanden gekommen war, zu ersetzen. An Cuencas Hauptplatz aßen wir zu Mittag.
Nachdem wir danach noch eine Weile spazieren gingen, gingen wir für eine halbe Stunde zurück in unser Hotel. Danach bummelten wir wieder durch Cuenca -viel mehr konnte man hier auch nicht machen, alle Museen hatten bereits geschlossen. Wir gingen zu den Ruinen von Todos Santos, die aus drei Epochen stammen: die der Cañari, der Inka und der Spanier. Aus der Inkazeit steht noch eine Mauer mit vier Steinnischen in der typischen Trapezform, von den Spaniern sieht man die Reste einer Mühle, die sie aus Steinen von Inka-Bauten errichteten. Nach dem Abendessen in einem sehr schönen Restaurant in einem alten Innenhof, gingen wir mit einigen anderen in die "Wunderbar" auf einige Cocktails.
Sonntag, den 12.09.1999
Um 8.30 Uhr fuhren wir aus Cuenca ab. Wir fuhren die Westkordillere hinauf, durch den Nationalpark "El Cajer" = die Schachtel . Der höchste Punkt, den wir auf dieser Fahrt erreichten, lag bei etwas über 4.000 m.
Dann ging es auf der anderen Seite der Westkordillere hinunter ins Küstentiefland. Wir hatten einige wunderschöne Aussichten hinunter in Täler und in das Tiefland, zunächst befanden wir uns über und zwischen den Wolken und sahen diese die Hänge hinaufsteigen, was wunderschön aussah. Plötzlich wurde unsere Fahrt jedoch unterbrochen. José sagte uns, dass dies die einzige durchgehend asphaltierte Straße sei, die über die Anden in das Küstentiefland führt. Er musste sich wohl getäuscht haben. Nicht nur, dass wir einige Straßenabbrüche gesehen haben, an einer Stelle erinnerte fast gar nichts mehr an eine Straße. Ein Erdrutsch hatte sie vollständig verschüttet und so mussten wir warten, bis eine Durchfahrt für unseren Bus freigeräumt war. Wir standen also mitten in den immer dichter werdenden Wolken und sahen den Baurbeiten zu.
Als wir dann glücklich im Tiefland ankamen, hatten wir einen Höhenunterschied von über 4.000 m überwunden - nicht schlecht an einem Tag.
Im Tiefland sahen wir riesige Bananenplantagen, die Bananen, die hier wachsen sind nur für den Export bestimmt und werden auch nach Deutschland exportiert.
In Guayaquil, der größten Stadt Ecuadors aßen wir kurz zu Mittag, dann ging unsere Fahrt weiter in Richtung Playas. Die Vegetation wurde immer spärlicher, je näher wir der Küste kamen. Zunächst sahen wir noch Kapokbäume und rot blühende Feuerbäume, doch bald wuchsen auch diese nicht mehr. Nach sieben Stunden Fahrt kamen wir in unserem Hotel in der Nähe von Playas an und gingen gleich zum Strand um im Meer zu schwimmen.
Montag, den 13.09.1999
Das erste Mal im Urlaub haben wir ziemlich lange - bis kurz nach 9.00 Uhr - geschlafen. Nach dem Frühstück wanderten wir dann fast alle am Strand entlang in Richtung Playas.
Wir beobachteten die Fischer, die ihre Fänge an den Strand zurückbrachten. Plötzlich meinten wir, in Hitchcocks "Vögel" gelandet zu sein. Hunderte von Fregattvögeln versuchten, den Fischern ihren Fang streitig zu machen. Hatte es einer geschafft, einen Fisch zu ergattern, probierten die anderen, ihm diesen noch im Flug wieder abzunehmen.
In Playas angekommen, gingen wir zuerst noch etwas am Hafen entlang, dann in das kleine, allerdings nicht gerade schöne Städtchen. Wir haben dort kurz etwas getrunken und gingen dann zu unserem Hotel zurück, wo wir gegen 14.00 Uhr eintrafen. Es blieb uns also noch genügend Zeit, um uns seelisch auf unseren Ausritt am Strand vorzubereiten. Eine Stunde später ging es dann los, Dirk, Jürgen, Stefan und ich wagten uns auf die Pferde. Stefan hatte es Spaß gemacht, mir nicht besonders. Nach zehn Minuten hat es mir eigentlich gereicht, aber das "Vergnügen" dauerte eine ganze Stunde. Dirk und ich hatten Schwierigkeiten, unsere Pferde zu einer schnelleren Gangart zu bewegen, beide haben unsere Bemühungen nicht gerade ernst genommen.
Während unseres Ritts kamen wir an einer toten Schildkröte vorbei, an der sich die Geier schon gütlich getan haben. Da der Humboldt-Strom in diesem Jahr 12 °C kälter als in den Vorjahren war, strandeten in diesem Sommer bereits 700 tote Schildkröten an den Stränden Ecuadors. Nach unserem Ausritt haben wir noch ein bißchen gelesen, gefaulenzt und Karten geschrieben, abends machten wir wieder ein Lagerfeuer am Strand.
Dienstag, den 14.09.1999
Wir ließen auch diesen Tag gemütlich angehen, schliefen lange und begannen dann, unsere Koffer zu packen. Erst um 10.00 Uhr gingen wir frühstücken. Stefan spielte mit Volker noch eine Partie Billard, danach packten wir zu Ende. Um 12.00 Uhr verließen wir Playas, zwei Stunden später kamen wir in unserem Hotel in Guayaquil an. Kurz darauf trafen wir uns wieder mit José zu einem einstündigen Stadtrundgang. Wir gingen zum Franziskanerplatz, zur Uferpromenade und dann zu der 1948 im neugotischen Stil erbauten Catedral, die die ursprüngliche, 1547 erbaute und im Jahre 1896 durch einen Brand zerstörte Kathedrale, ersetzte. Wir besichtigten die Kirche und waren überrascht, dass diese weder überladen noch kitschig war, sondern sogar recht schön. Vor der Kirche, in einem kleinen, hübsch angelegten und bei den Einheimischen sehr beliebten Park leben einige fürchterlich hässliche Leguane, die auf den Wegen, auf dem Rasen und den Bäumen herumlagen.
Nachdem wir unseren Stadtrundgang beendet hatten, aßen wir phantastisch zu Mittag - bei McDonalds. Danach versuchten wir einen Reisescheck einzutauschen, was ja eigentlich in einer Großstadt kein Problem sein dürfte, sich aber als unmöglich herausstellte. Mit Volker und Dirk waren wir dann noch T-Shirts kaufen - Dirk als Ersatz für die abhanden gekommene Kleidung, wir aus Frust über unseren Bargeldmangel. Zu Abend aßen wir in einem Boots-Restaurant auf dem Fluss, d.h. ich aß nichts, weil auf der Speisekarte absolut nichts stand, das mich auch nur im entferntesten gereizt hätte.
Mittwoch, den 15.09.1999
Um 6.15 Uhr fuhren wir aus dem Hotel in Taxis ab. Das heißt, fast alle fuhren, Markus musste sein Taxi kurz vor dem Flughafen schieben, ganz nach dem Motto, wer sein Taxi liebt, der schiebt. Um 8.55 Uhr ging dann leider, leider unser Flug über Curaçao und Amsterdam nach Stuttgart.
Reiseberichte Navigation
-
Ecuador 1999
- Editorial
- Anreise
- Quito Flughafen
- Otavalo
- Otavalo Markt
- San Antonio
- Ibarra
- San Pedro
- Laguna Cuicocha
- Cayambe
- Hazienda Guachala
- Quito Loma
- Quito 1
- Quito 2
- Quito Altstadt
- Cotopaxi
- Hazienda La Cienga
- Saquisili 1
- Saquisili 2
- Cotopaxi N.P.
- Papallacta
- Tena
- Camp Suchi Runa 1
- Tapir
- Schamane
- Camp Suchi Runa 2
- Rio Arajuno
- Rio Pastaza
- Banos 1
- Banos 2
- Melcoche
- Banos 3
- Banos 4
- Salasaca
- Chimborazo
- Riobamba
- Zugfahrt 1
- Zugfahrt 2
- Ingapirca
- Ingapirca-Cuenca
- Cuenca 1
- Cuenca 2
- Erdrutsch
- Guayaquil 1
- Playas 1
- Playas 2
- Guayaquil 2
- Guayaquil 3
- Guayaquil 4
- South Plaza
- Seelöwen
- Landleguan
- Punta Suarez
- Florena
- Puerto Ayora 1
- Charles Darwin Station
- Riesenland-schildkröten
- Puerto Ayora 2
- Quito 3
- Mitad del Mundo
- Ecuador
- Links
- Christine